VW Zuhause-Kraftwerk: Lichtblick oder nur heiße Luft?

LichtBlick VW
Bildquelle: LichtBlick

Die Zukunft gehört Strom aus erneuerbaren Energien. Doch je größer der Anteil an Ökostrom aus Windkraft und Photovoltaik wird, desto problematischer ist die Koordination von Stromproduktion und Stromverbrauch. Denn leider weht der Wind nicht genau dann besonders stark, wenn die Deutschen kollektiv das Mittagessen kochen oder abends den Fernseher einschalten. Das Kraftwerksmanagement des deutschen Kraftwerkparks steht vor völlig neuen Herausforderungen, da es mit dem Ausbau der regenerativen Energien mehr und mehr zu einem Systemwiderspruch zwischen schwerfälligen Großkraftwerken und schwankenden Öko-Energien kommt.

Neue Energie-Partnerschaft

Der konzernunabhängige Hamburger Energieversorger LichtBlick hat jetzt gemeinsam mit der Volkswagen AG eine Partnerschaft vereinbart und ein vermeintliches Lösungskonzept für die intelligente Energieversorgung von Morgen vorgestellt. Volkswagen soll kleine Blockheizkraftwerke, sogenannte Mini-BHKW produzieren, die von Gasmotoren aus eigener Fertigung angetrieben werden. LichtBlick vertreibt die Anlagen als „ZuhauseKraftwerke“ und setzt sie für ein neues, intelligentes Konzept der Wärme- und Stromversorgung ein.

Update: Lesen Sie hier die neuesten Entwicklungen zum Thema LichtBlick, ZuhauseKraftwerk und SchwarmStrom.

Mini-Blockheizkraftwerke


Moderne Mini-BHKW arbeiten nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung. Um das Maximum aus dem eingesetzten Brennstoff heraus zu holen, wird gleichzeitig Wärme und Strom erzeugt. Der Wirkungsgrad der Mini-BHKW liegt so meist über 90%! Für die Stromproduktion wird ein Stromgenerator angetrieben, daher ist Bewegungsenergie notwendig. Im Gegensatz zu einem vergleichsweise simplen Heizkessel mit Brenner, ist bei einem Mini-BHKW daher immer ein Art Motor oder Turbine notwendig. Die Bewegungsenergie wird je nach Hersteller mit einem Vier-Takt-Motor, einem Stirling-Motor, einer Gasturbine oder einem dampfbetriebenen Kolben erzeugt. Bei dem VW-BHKW kommt ein herkömmlicher gasbetriebener Vierzylinder Reihenmotor zum Einsatz.

SchwarmStrom-Konzept

Man muss sich die ZuhauseKraftwerke wie einen Fischschwarm vorstellen: Viele kleine Einheiten bilden eine große, leistungsfähige Gemeinschaft, die SchwarmStrom erzeugt. LichtBlick vernetzt 100.000 ZuhauseKraftwerke zu Deutschlands größtem Gaskraftwerk“, erläutert der LichtBlick Vorstandsvorsitzende Dr. Christian Friege. Mit einer Leistung von 2.000 Megawatt soll dieses dezentrale Gaskraftwerk die Kapazität von zwei Atomkraftwerken erreichen – und diese möglichst ersetzen.

Schöne neue Welt

Ist das nun die erhoffte smarte Energie-Lösung, oder handelt es sich einfach nur um einen schlauen PR-Coup? Die Antwort ist ein klares „Jein“. Theoretisch ist das Konzept eines virtuellen Kraftwerks dazu geeignet, einen weiteren wichtigen Beitrag auf dem Weg zu einer ökologisch verträglichen Energieversorgung zu leisten. Aber die schöne neue Welt, die LichtBlick zeichnet, wird in dieser Form nicht eintreten. Dazu wurden die getroffenen Annahmen viel zu optimistisch, um nicht zu sagen blauäugig gewählt. BHKW-Prinz.de hat fünf Punkte zusammengestellt, an denen das SchwarmStrom-Konzept krankt:

1. Utopische Absatzzahlen

Volkswagen und LichtBlick sprechen von „zunächst“ 100.000 Anlagen. Die beiden weltweit größten Hersteller von Mini-Blockheizkraftwerken sind die Marktführer SenerTec (Baxi Group) und Honda. Stand Februar 2009 setzte SenerTec seit 1996 bisher rund 20.000 Mini-BHKW der Marke „Dachs BHKW“ ab und ist damit im europäischen Bereich unangefochtener Marktführer. Honda hat nach eigenen Aussagen bisher rund 80.000 Mini-BHKW in Japan und den USA verkauft. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Absatzziele für das EcoBlue-BHKW von Volkswagen reichlich optimistisch.

2. Wohin mit der Wärme?


Mini-BHKW werden oft auch als „stromproduzierende Heizungen“ bezeichnet. Wenn Wärme benötigt wird (Heizung, Warmwasser) fällt als “Nebenprodukt” auch Strom an. Nur im Zusammenspiel von Wärme- und Stromproduktion erreichen sie die gewünschten Gesamtwirkungsgrade von über 90%. Und nur dann ist ihr Einsatz ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Daher lautet die zentrale Frage jeder Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von Mini-BHKW: wird über das ganze Jahr hinweg Wärme benötigt? Nur wenn dies der Fall ist, fallen die Betriebsstunden an, die eine Investition von 25.000-30.000 Euro rechtfertigen. Je besser die Isolierung eines Hauses, desto kürzer und weniger intensiv ist die Heizphase. In den Sommermonaten wird meist lediglich heißes Wasser für Duschen und Baden benötigt. Die eigentliche Heizung steht still. Wenn LichtBlick in dieser heizungsfreien Phase Strom nachfragen würde, die stromproduzierende Heizung also ferngesteuert anspringen lässt, entsteht (Ab)wärme, für die kein Bedarf besteht. Die Speicherung dieser Wärme in sogenannten Pufferspeichern ist bei Mini-BHKW zwar allgemein üblich, aber auch diese Wärme muss irgendwann abgerufen werden – außerhalb der Heizperiode gestaltet sich das schwierig. In der Praxis stehen die Mini-BHKW privater Haushalte somit den ganzen Sommer über nur zu einem geringen Prozentsatz für die dezentrale Stromproduktion zur Verfügung.

3.  Überdimensionierte Anlagen

LichtBlick will 100.000 „ZuhauseKraftwerke“ zu Deutschlands größtem Gaskraftwerk vernetzen. Mit einer Leistung von 2.000 Megawatt solle dieses dezentrale Gaskraftwerk die Kapazität von zwei Atomkraftwerken erreichen – und diese ersetzen. Atomkraftwerke abschalten hört sich immer gut an. Mit der LichtBlick-Idee wird daraus leider so schnell nichts werden. Jedes einzelne der VW-BHKW leistet 20 kW an elektrischer Leistung und 34 kW an thermischer Leistung für Heizung und Heißwasser. Das ist dummerweise drei- bis viermal so viel Wärme, wie ein regulär isoliertes Einfamilienhaus am kältesten Tag des Jahres benötigt. Das schränkt den Anwendungsbereich auf eher mäßig isolierte Mehrfamilienhäuser ein. Die Besitzer dieser Häuser sind meist recht unmotiviert neue Anlagen zu installieren, da sie die Heizkosten ohnehin auf die Mieter umwälzen.

4. Kein Investitionszuschuss

Blockheizkraftwerke, die nach dem Kraft-Wärme-Kopplungs-Prinzip arbeiten, sind ökologisch und politisch gewünscht. Daher steht eine Reihe von Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Die wichtigste dieser Förderungen ist der Zuschuss für Mini-KWK-Anlagen vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Förderfähig sind allerdings nur KWK-Anlagen die wärmegeführt ausgelegt sind, d.h. der Wärmebedarf steuert die Betriebsweise der Anlage und eben nicht, wie LichtBlick beabsichtigt, der Strombedarf. Steht die Wärmeführung aber in Frage, entgehen dem Betreiber einer Anlage vom Kaliber eines VW-BHKW bis zu 20.000 € an Investitionszuschuss.

5. Unterschätzte Komplexität


LichtBlick und VW unterschätzen offensichtlich die Komplexität ihres SchwarmStrom-Konzeptes. Der Berliner Gasanbieter GASAG, Vorreiter beim Thema Mini-BHKW, befindet sich seit 2006 noch immer in der Felderprobung. Die Berliner wären glücklich, wenn die getesteten Anlagen endlich lieferbar (‚Ankündigungsweltmeister‘ WhisperGen) bzw. stabil laufend (OTAG Lion Powerblock) wären. Von einer dezentralen Steuerung zum Ausgleich von Lastspitzen ist hier noch lange keine Rede. Man darf nicht übersehen, wie viele verschiedenen Komponenten und Services hier reibungslos ineinander greifen müssen, um den aus Endkundensicht erwarteten sorgenfreien Betrieb zu gewährleisten. Sorglose Hausbesitzer werden sich wundern, wenn die geballte deutsche Bürokratie anklopft. Sie müssen sich nämlich u.a. mit dem BAFA (KWK-Zuschlag), dem Zoll (Erdgassteuerrückerstattung), dem lokalen Energieversorger (Einspeisevergütung, vermiedene Netznutzungsentgelte), Bundesnetzagentur (Anzeige der Energiebelieferung) und nicht zuletzt dem Finanzamt herumschlagen.
Die Wartung eines Vier-Zylinder-Gasmotors ist gegenüber einer regulären Gasbrennwert-Heizung ebenfalls deutlich aufwändiger. Wie funktioniert die Fernsteuerung der Anlage in einem Keller ohne GSM-Empfang oder DSL-WLAN-Verbindung? Und, und, und..

Vor diesem Hintergrund kommt Markus Kreusch, Geschäftsführer der Prinz-Online-Gruppe (Strom-Prinz.de, BHKW-Prinz.de, Wald-Prinz.de) zu dem Schluss: „Unter Marketing-Gesichtspunkten kann man den beiden Unternehmen LichtBlick und VW zu ihrem PR-Coup nur gratulieren. Damit die ‚SchwarmStrom‘-Idee aber nicht schlussendlich zum ‚SchmarrnStrom‘ verkümmert, liegt ein langer, steiniger Weg vor der noch jungen Partnerschaft „.

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